Pferd gähnt ständig – Stresssignal, Magenproblem oder echte Entspannung?
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„Er gähnt dauernd – aber er wirkt doch entspannt?“
Diese Aussagen hören wir immer wieder:
„Beim Putzen gähnt er fünf- oder sechsmal hintereinander.“
„Nach dem Gurten kommt sofort ein tiefes Gähnen.“
„Im Stall wirkt er ruhig, aber dieses Gähnen irritiert mich.“
„Er gähnt besonders viel nach stressigen Trainingseinheiten.“
Gähnen wird oft vorschnell als Entspannungszeichen gewertet.
Doch physiologisch betrachtet ist es ein komplexer Regulationsmechanismus – und genau deshalb lohnt sich eine genauere Analyse.
Nicht jedes Gähnen ist positiv.
Nicht jedes Gähnen ist krankhaft.
Aber häufiges Gähnen ist fast nie bedeutungslos.
Was passiert beim Gähnen im Körper des Pferdes?
Gähnen ist keine einfache „Müdigkeitsreaktion“. Es ist ein vegetativer Vorgang, der mehrere Systeme gleichzeitig beeinflusst:
- Aktivierung des Vagusnervs
- Druckveränderung im Bauchraum
- Dehnung von Kiefer- und Zungenmuskulatur
- Veränderung der Atemtiefe
- kurzfristige Modulation des Herzrhythmus
Beim Pferd kommt ein entscheidender Faktor hinzu:
Der Magen produziert rund um die Uhr Magensäure – unabhängig von Futteraufnahme.
Das bedeutet:
Jede Störung im Gleichgewicht zwischen Säureproduktion und Schleimhautschutz kann vegetative Reaktionen auslösen.
Gähnen kann ein solcher Ausdruck sein.
Die häufigsten Ursachen – differenziert betrachtet
1. Magenübersäuerung & subklinische Magengeschwüre (EGUS)
Viele Pferde mit beginnender Magenproblematik zeigen keine dramatischen Symptome.
Stattdessen sehen wir oft subtile Veränderungen:
- häufiges Gähnen
- Lippenlecken
- Flehmen ohne Geruchsreiz
- Zähneknirschen
- Abwehr beim Gurten
- leichte Leistungsschwankungen
- Futterpausen trotz Hunger
Warum hängt das zusammen?
Magendruck und Säurekontakt im ungeschützten oberen Magenbereich können:
- Zwerchfellspannung erhöhen
- vagale Reflexe triggern
- vegetative Ausgleichsmechanismen aktivieren
Gähnen kann dabei eine Form der Druckregulation sein.
Wichtig:
Nicht jedes gähnende Pferd hat ein Magengeschwür.
Aber viele Pferde mit Magenproblemen gähnen auffällig häufig.
2. Chronischer Stress & Übererregung
Stress wirkt nicht nur psychisch, sondern biochemisch.
Chronischer Stress führt zu:
- erhöhtem Cortisol
- veränderter Magensäureproduktion
- reduzierter Durchblutung der Schleimhäute
- veränderter Darmmotilität
- erhöhtem Muskeltonus
Das Pferd wirkt vielleicht „brav“, steht ruhig in der Box –
doch innerlich läuft das System auf Hochtouren.
Typische Begleitzeichen:
- erhöhte Schreckhaftigkeit
- Spannung im Rücken
- Futterunruhe
- empfindliche Flanken
- schwankende Leistungsbereitschaft
In solchen Fällen ist Gähnen kein Müdigkeitszeichen, sondern ein vegetatives Ventil.
3. Druck & biomechanische Auslöser
Gähnen tritt häufig auf:
- unmittelbar nach dem Satteln
- beim ersten Antraben
- bei Berührung des Bauchbereichs
- bei Longierbeginn
Hier lohnt sich eine systematische Analyse:
- Sattelpassform
- Gurtmaterial
- Bauchmuskeltonus
- Trainingszustand
- Blockaden im Zwerchfellbereich
Mechanischer Druck kann vegetative Reaktionen triggern – besonders bei empfindlichen Pferden.
4. Echte Entspannung
Ja – es gibt auch das positive Gähnen.
Es tritt auf:
- nach intensiver Kaubewegung
- beim Strecken
- nach Massage
- im klar erkennbaren Ruhezustand
Der Unterschied liegt im Kontext.
Ein Pferd, das nach einer entspannenden Einheit einmal gähnt und dann ruhig kaut, zeigt Regulation.
Ein Pferd, das beim Gurten mehrfach gähnt, die Ohren anlegt und angespannt wirkt, zeigt etwas anderes.
Die Darm-Hirn-Achse: Warum Verdauung Verhalten beeinflusst
Moderne Forschung bestätigt:
Darm und Nervensystem stehen in enger Wechselwirkung.
Ein instabiles Darmmilieu beeinflusst:
- Stressverarbeitung
- Reizschwelle
- Muskelspannung
- Konzentrationsfähigkeit
Viele Pferde mit häufigem Gähnen zeigen zusätzlich:
- Kotwasser
- wechselnde Kotkonsistenz
- Gasbildung
- Blähbauch
- Fressunlust
- Fellveränderungen
Hier greift kein isolierter Ansatz.
Hier braucht es eine systemische Betrachtung.
Management – die Basis jeder Lösung
Bevor Ergänzungen eingesetzt werden, muss die Grundlage stimmen:
• mindestens 1,5–2 kg Raufutter je 100 kg Körpergewicht
• keine langen Fresspausen
• Stressreduktion im Training
• soziale Stabilität
• ausreichend Bewegung
Ohne diese Basis bleibt jede Fütterungsmaßnahme wirkungslos.
Wann kann eine gezielte Unterstützung sinnvoll sein?
Wenn Management optimiert wurde und dennoch Hinweise auf Magen- oder Stressbelastung bestehen, kann eine ergänzende Fütterung unterstützend wirken.
EQUINOX Nonegus
Zur Unterstützung der Magenschleimhaut bei stressanfälligen Pferden.
Ziel ist die Stabilisierung des physiologischen Säuregleichgewichts.
Wichtig:
Nonegus ist ein Ergänzungsfuttermittel und ersetzt weder Diagnostik noch medikamentöse Therapie.
Bei Verdacht auf ein Magengeschwür ist eine tierärztliche Abklärung (Gastroskopie) unerlässlich.
AHIPOS Digestiv
Zur Unterstützung einer stabilen Darmfunktion bei empfindlichen Pferden.
Ein ausgeglichener Darm kann indirekt helfen:
- Stressreaktionen zu reduzieren
- Futterverwertung zu verbessern
- das vegetative Nervensystem zu entlasten
Auch hier gilt:
Ergänzungsfuttermittel ersetzen keine tierärztliche Behandlung.
Wie lange dauert es, bis sich Veränderungen zeigen?
Bei funktionellen Problemen sehen wir häufig erste Verbesserungen innerhalb von 2–3 Wochen.
Bei strukturellen Magenproblemen dauert Stabilisierung deutlich länger – oft 6–8 Wochen oder mehr.
Wichtig ist konsequente Beobachtung:
- Wird das Gähnen weniger?
- Verbessert sich die Rittigkeit?
- Ist das Pferd ruhiger im Handling?
- Stabilisiert sich die Futteraufnahme?
Wann sollte der Tierarzt unbedingt hinzugezogen werden?
Unverzüglich bei:
- deutlichem Gewichtsverlust
- wiederkehrenden Koliksymptomen
- massivem Leistungsabfall
- chronischem Zähneknirschen
- auffälligen Blutwerten
- Fieber oder Mattigkeit
Gähnen allein ist kein Notfall.
In Kombination kann es ein Warnsignal sein.
Fazit: Gähnen ist ein Signal – kein Zufall
Ein Pferd gähnt nicht grundlos.
- Es reguliert.
- Es kompensiert.
- Oder es entspannt wirklich.
Die Aufgabe des Besitzers ist nicht, das Gähnen zu unterdrücken,
sondern zu verstehen, was dahinter steckt.
Wer genau hinsieht, erkennt Probleme früh – lange bevor sie klinisch manifest werden.
Und genau dort entsteht echte Prävention.
FAQ
Gähnt ein Pferd bei Magengeschwüren immer?
Nein. Aber häufiges Gähnen kann ein begleitendes Symptom sein.
Ist Gähnen immer Stress?
Nein. Kontext entscheidet.
Kann man Gähnen „wegfüttern“?
Nein. Man kann nur die Ursachen stabilisieren.
Sollte ich sofort ein Magenprodukt einsetzen?
Nur nach sorgfältiger Analyse. Bei Verdacht immer tierärztlich abklären.