Muskelübersäuerung beim Pferd: Laktat ist nicht das Problem

Muskelübersäuerung beim Pferd: Laktat ist nicht das Problem

'Nach dem Turnier ist mein Pferd immer verspannt und steif – das ist die Übersäuerung.' Dieser Satz fällt in Reitställen täglich. Und er ist halb richtig. Das Pferd ist verspannt und steif – aber die Ursache ist nicht das, was die meisten denken.

Laktat, das Salz der Milchsäure, hat seit Jahrzehnten einen schlechten Ruf als Hauptschuldiger bei Muskelermüdung und -schmerz. Die moderne Sportphysiologie hat diesen Mythos weitgehend revidiert. Laktat ist ein Marker – und ein Energiesubstrat. Das eigentliche Problem ist komplexer. Und das hat direkte Konsequenzen für die Regenerationsstrategie.

Was bei intensiver Belastung im Muskel passiert

Bei hoher Trainingsintensität reicht die aerobe Energiegewinnung (über Sauerstoff) nicht mehr aus. Der Muskel schaltet auf anaerobe Glykolyse um – er gewinnt schnell Energie aus Glukose, ohne Sauerstoff. Dabei entstehen Laktat und Protonen (H⁺-Ionen).

Lange glaubte man: Das Laktat verursacht die Übersäuerung. Neuere Forschung zeigt: Laktat selbst ist physiologisch weitgehend neutral – es wird tatsächlich als Energiequelle genutzt und schnell abtransportiert. Die eigentliche Ursache der intramuskulären Azidose ist der Anstieg der H⁺-Ionen (Protonen), der Phosphatakkumulation und des Ionenungleichgewichts – insbesondere von Kalium, Natrium und Chlorid.

Was das bedeutet

Der Unterschied ist nicht akademisch – er ist praktisch. Wenn Laktat das Problem wäre, müsste man es 'wegspülen'. Da aber das Ionenungleichgewicht das eigentliche Problem ist, ist die logische Antwort: Elektrolyte ausgleichen, Pufferkapazität unterstützen und die Muskelzelle mit den richtigen Bausteinen für die Regeneration versorgen.

Wie man Muskelübersäuerung erkennt

Nicht jede Verspannung nach dem Sport ist pathologisch. Folgende Zeichen können auf echte Muskelbelastung hinweisen:

  • Ausgeprägte Steifigkeit in den ersten 24–48 Stunden nach intensiver Belastung
  • Druckempfindlichkeit der langen Rückenmuskulatur und Kruppe
  • Schlechte Losgelassenheit in der Einreitphase, die sich langsam löst
  • Reduzierte Schrittlänge oder verkürzte Hinterhandaktion
  • Vermehrtes Schwitzen bei relativ moderater Intensität
  • Dunkler, stark riechender Urin (Hinweis auf Myoglobin – dann sofort Tierarzt)

⚠️  Warnsignal: Myoglobinurie

Brauner oder rötlich-brauner Urin nach intensiver Belastung kann auf Myoglobinurie hinweisen – ein Zeichen für ernsthaften Muskelzellschaden (Azoturia/Tying-up). Das ist ein tierärztlicher Notfall.

Sofort Belastung stoppen, Pferd in Bewegung halten (nicht einschließen) und Tierarzt rufen.

Akute Maßnahmen direkt post-Training

Was unmittelbar nach intensiver Belastung hilft – in der richtigen Reihenfolge:

  • 1. Ausreiten / cool-down (20–30 Min.): Aktive Bewegung beschleunigt den Laktat-Abtransport und fördert die Durchblutung. Niemals abrupt stoppen.

  • 2. Elektrolyt-Ausgleich: Was beim Schwitzen verloren geht, sind vor allem Na⁺, Cl⁻, K⁺ und Mg²⁺. Diese müssen zeitnah ersetzt werden – nicht am nächsten Morgen.

  • 3. Rehydration: Flüssigkeitsmangel von 3–5 % des Körpergewichts kann die Regenerationszeit erheblich verlängern. Flüssige Elektrolyt-Lösungen beschleunigen die Aufnahme.

  • 4. Aminosäuren (innerhalb 60–120 Min.): Das anabole Zeitfenster nach Training: Muskelzellen sind besonders aufnahmefähig für Bausteine zur Reparatur geschädigter Myofibrillen.

Chronische Muskelprobleme: Wenn es immer wieder auftritt

Einmalige Steifigkeit nach einem harten Tag ist normal. Wenn Verspannungen nach jedem Training auftreten oder die Regeneration dauerhaft schlecht ist, lohnt eine systematische Ursachenanalyse:

Mögliche Ursache

Anzeichen

Ansatz

Chronischer Elektrolytmangel

Immer langsame Regeneration, wenig Schweiß trotz Belastung

Dauerhafter Elektrolyt-Ausgleich über Futter

Fehlendes Aminosäure-Profil

Schlechter Muskelaufbau trotz Training, flache Oberlinie

Limitierende Aminosäuren ergänzen (Lysin, Methionin)

Energiedefizit (zu wenig KH)

Frühe Ermüdung, schnell hohe Herzfrequenz

Energiedichte des Futters prüfen

Selenmangel

Muskelschwäche, White Muscle Disease (bei Fohlen), schlechte Regeneration

Selen-Status beim Tierarzt prüfen lassen

Tying-up (PSSM / RER)

Wiederkehrende Steife-Episoden, auch nach leichter Arbeit

Tierärztliche Abklärung, Ernährungsprotokoll anpassen


Die Rolle von Applikationsform und Timing

Hier kommt die Logik der verschiedenen Produktformen ins Spiel. Nach intensiver Belastung gilt:

  • Liquid zuerst: EQUINOX Rehydrate als flüssige Elektrolyt-Lösung ist direkt post-Sport ideal – schnelle Resorption, sofortiger Ionenausgleich, Glukose für erste Energiebereitstellung. Liquids umgehen die Aufschlusszeit von Pulvern.

  • Dann Pulver ins Abendfutter: AHIPOS Elektrolyt als Pulver ins Futter gemischt sichert die Fortführung des Elektrolyt-Ausgleichs in den Stunden nach der unmittelbaren Akutversorgung.

  • Aminosäure-Timing: EQUINOX Dynamic als Liquid liefert schnell verfügbares Lysin und L-Carnitin ins anabole Zeitfenster. Body Builder als Pulver sichert die kontinuierliche Basisversorgung täglich.

📋  48-Stunden-Regenerationsprotokoll nach Turnier

Tag 0 (Wettkampftag, post-Sport):

→ 20–30 Min. cool-down, dann sofort Equinox Rehydrate (Liquid, direkt)

→ Body Builder Pulver ins Abendfutter, Elektrolyt Pulver ins Abendfutter

Tag 1 (Erholungstag):

→ Leichte Bewegung (30 Min. Schritt), keine intensive Arbeit

→ Morgen- und Abendfutter mit Body Builder + Elektrolyt Pulver

Tag 2:

→ Lockeres Aufbautraining, individuelle Reaktion beobachten

→ Weiter Pulver-Grundversorgung

 

Häufige Fragen (FAQ)

Ist Laktat wirklich nicht schädlich?

Laktat selbst ist physiologisch weitgehend neutral und wird als Energiequelle genutzt. Das eigentliche Problem bei Muskelermüdung ist das Ionenungleichgewicht – insbesondere der H⁺-Anstieg und der Kaliumausstrom aus der Muskelzelle. Das verändert die Sichtweise auf Regenerationsstrategien grundlegend.

Wann ist Muskelsteifigkeit nach Sport normal?

Leichte Steifigkeit in den ersten 24 Stunden nach ungewohnt intensiver Belastung ist normal. Wenn Steifigkeit nach jedem Training auftritt, länger als 48 Stunden anhält oder von anderen Symptomen begleitet wird, ist eine tierärztliche Abklärung sinnvoll.

Was bringt ein Liquid-Elektrolyt gegenüber einem Pulver?

Liquids sind im Wasser bereits gelöst und können im Magen-Darm-Trakt deutlich schneller resorbiert werden als Pulver, das erst im Mageninhalt aufgelöst werden muss. Direkt post-Sport, wenn schnelle Ionenbereitstellung wichtig ist, ist das Liquid-Format physiologisch überlegen.

Kann ich Elektrolyte dauerhaft übers Futter geben?

Ja – Elektrolyt-Pulver im Futter ist die klassische Form der kontinuierlichen Versorgung. Wichtig: Immer ausreichend Wasser anbieten, da erhöhte Elektrolytaufnahme den Wasserbedarf steigert.

Was ist Tying-up und wie erkenne ich es?

Tying-up (Azoturia / PSSM / RER) bezeichnet unterschiedliche Erkrankungen, die alle zu schmerzhaften Muskelkrämpfen führen, oft bereits bei leichter Arbeit. Kennzeichen: Pferd verkrampft, verweigert Bewegung, schwitzt übermäßig, Muskulatur fühlt sich hart und schmerzhaft an. Sofort Tierarzt.


Weiterführend: Aminosäuren und Muskelaufbau beim Pferd · Salzleckstein – unkontrollierte Salzaufnahme kritisch betrachtet · Welche Pferdefutterzusätze wirklich zählen

Hinweis: Ergänzungsfuttermittel sind kein Ersatz für tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen deines Pferdes wende dich bitte immer zuerst an einen Tierarzt.

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