Was limitierende Aminosäuren bedeuten

Was limitierende Aminosäuren bedeuten

Das Pferd wird fünfmal die Woche geritten, die Ration stimmt, das Training ist durchdacht – und trotzdem bleibt die Muskulatur hinter den Erwartungen zurück. Dieses Phänomen kennen viele Reiter. Und in erstaunlich vielen Fällen liegt die Ursache nicht im Training, sondern in einer einzigen fehlenden Aminosäure im Futtertrog.

Das Konzept der limitierenden Aminosäure ist eines der wichtigsten – und am meisten unterschätzten – Prinzipien der Pferdeernährung. Dieser Artikel erklärt es von Grund auf: was Aminosäuren sind, welche beim Pferd typischerweise fehlen, warum Timing eine Rolle spielt, und welche praktischen Schlüsse das für die Fütterung hat.

Protein, Aminosäuren und das Liebig'sche Minimumgesetz

Protein ist kein einheitlicher Stoff – es ist ein Sammelbegriff für Moleküle, die aus Aminosäuren zusammengesetzt sind. Es gibt 20 proteinogene Aminosäuren, von denen der Pferdeorganismus 10 selbst synthetisieren kann (nicht-essentielle) und 10 über das Futter aufnehmen muss (essentielle).

Hier greift das Liebig'sche Minimumgesetz: Muskelproteinsynthese ist begrenzt durch die Aminosäure, die im Verhältnis zum Bedarf am knappsten vorhanden ist – die limitierende Aminosäure. Ist Lysin zu 60 % des Bedarfs gedeckt, kann der Organismus maximal 60 % des möglichen Muskelaufbaus realisieren – egal wie viel von allen anderen Aminosäuren vorhanden ist.

Das Ergebnis: Mehr Hafer oder mehr Eiweiß aus schlechter Quelle löst das Problem nicht. Gezielte Supplementierung der fehlenden Aminosäuren schon.

Die drei typischen Limitierer beim Pferd

Aminosäure

Funktion im Körper

Warum typisch limitierend

Zeichen bei Mangel

Lysin (1. Limitierer)

Schlüssel-Aminosäure für Muskelprotein-Synthese, Kollagenbildung

In Heu und Hafer vergleichsweise niedrig; Bedarf bei Sportpferden erhöht

Schlechter Muskelaufbau trotz Training, flache Oberlinie

Methionin (2. Limitierer)

Schwefellieferant, Haar-, Huf- und Knorpelaufbau, Leberfunktion

Getreide oft methioninarm; Grasqualität schwankend

Schlechte Hufqualität, langsames Haarwachstum

Threonin (3. Limitierer)

Darmmucosa-Integrität, Schleimsynthese, Immunfunktion

Oft unterschätzt; wichtig für Darmgesundheit und Immunabwehr

Erhöhte Infektanfälligkeit, schlechtere Darmbarriere


Warum Heu und Hafer nicht reichen

Heu ist die Grundlage jeder equinen Ration – und für die meisten Pferde ernährungsphysiologisch ausreichend als Rohfaserquelle. Als Proteinquelle hat es Grenzen. Der Lysin-Gehalt von Heu variiert stark je nach Pflanzenart, Schnittzeitpunkt und Qualität – liegt aber im Durchschnitt bei 0,3–0,5 % der Trockenmasse.

Hafer ist besser als sein Ruf, aber kein optimaler Proteinlieferant: Lysin-Gehalt ca. 0,35–0,4 %, Methionin gering. Sojaschrot hingegen hat einen Lysin-Gehalt von ca. 2,5–3 % – ein erheblicher Unterschied.

Für das Freizeitpferd mit geringer Trainingsintensität mag das ausreichen. Für ein Sportpferd in intensiver Nutzung, ein Pferd in der Reha nach Verletzung oder ein Senior mit Muskelabbau ist die Lücke oft zu groß.

Timing: Wann Aminosäuren gefüttert werden, macht einen Unterschied

Die Sportphysiologie hat für Menschen ein anaboles Zeitfenster nach dem Training identifiziert: In den 30–120 Minuten nach intensiver Belastung ist die Muskelzelle besonders aufnahmefähig für Aminosäuren. Beim Pferd ist die equine Datenlage weniger präzise – aber die Grundphysiologie spricht für eine ähnliche Logik.

Praktisch bedeutet das: Eine ausschließliche Aminosäure-Gabe einmal täglich mit dem Morgenfutter ist physiologisch suboptimal, wenn das Training am Nachmittag stattfindet. Besser: Eine Grundversorgung täglich über Pulver (z.B. ins Morgen- oder Abendfutter), ergänzt durch schnell verfügbare Aminosäuren post-Training.

Zeitpunkt

Was passiert physiologisch

Empfohlene Form

Täglich, kontinuierlich

Basispool an Aminosäuren aufrechterhalten; Protein-Turnover unterstützen

Pulver ins Futter (Body Builder)

Direkt post-Training (30–60 Min.)

Anaboles Zeitfenster: Muskeln besonders aufnahmefähig für Reparatur-Bausteine

Liquid (Equinox Dynamic) – schnelle Bioverfügbarkeit

Erholungstage

Muskelprotein-Synthese läuft auch in Ruhe weiter; Baustoff-Kontinuität wichtig

Pulver weiter, kein Pausieren


Was das in der Praxis bedeutet: Drei häufige Fütterungsfehler

  • Fehler 1 – Protein ohne Aminosäureprofil: Viel Eiweiß aus minderwertiger Quelle (z.B. Stroh-Anteile, schlechtes Heu) bringt nichts, wenn das Lysin fehlt. Nicht die Rohproteinmenge entscheidet, sondern das Aminosäureprofil.

  • Fehler 2 – Pulver falsch gemischt: Aminosäure-Pulver auf die Futteroberfläche gestreut – selektiv fressende Pferde sortieren Feinpartikel aus. Immer gut einmischen oder befeuchtet anrühren.

  • Fehler 3 – Aminosäuren beim Turnier weglassen: Gerade an Wettkampftagen mit hohem Muskelstress braucht das Pferd mehr, nicht weniger. Das Weglassen von Ergänzungsfutter "weil heute Turnier ist" ist kontraproduktiv.

Häufige Fragen (FAQ)

Welche Aminosäure ist beim Pferd am häufigsten limitierend?

Lysin ist in den meisten klassischen Pferderationen (Heu + Hafer) der erste Limitierer. Bei Weidepferden mit gutem Grasangebot kann sich das verschieben. Methionin ist der zweite Limitierer, Threonin der dritte.

Wie viel Lysin braucht ein Sportpferd täglich?

Referenzwerte aus der Literatur (NRC 2007) gehen von ca. 27 mg Lysin pro kg Körpergewicht täglich für Ruhepferde aus. Bei intensiver Arbeit steigt der Bedarf – genaue equine Referenzwerte für Hochleistungspferde sind noch unvollständig erforscht.

Was bringt L-Carnitin beim Pferd?

L-Carnitin ist am Transport langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien beteiligt. Bei Sportpferden kann eine Supplementierung die endogene Versorgung ergänzen. Die equine Datenlage ist begrenzt, die Humanstudien zeigen Effekte bei intensiver Ausdauerarbeit.

Warum ist das anabole Zeitfenster beim Pferd wichtig?

Nach intensiver Belastung sind Muskelzellen besonders aufnahmefähig für Aminosäuren zur Reparatur. Schnell verfügbare Formen (Liquid) nutzen dieses Zeitfenster besser als Pulver, das erst im Magen-Darm-Trakt aufgeschlossen werden muss.

Kann ich Body Builder und Equinox Dynamic gleichzeitig einsetzen?

Ja – die Produkte verfolgen unterschiedliche Zeitlogiken. Body Builder als tägliches Basis-Pulver, Dynamic als reaktives Post-Training-Liquid. Achte bei der Kombination auf die Gesamtlysin-Zufuhr und kalkuliere beide Quellen.

Hinweis: Ergänzungsfuttermittel sind kein Ersatz für tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen deines Pferdes wende dich bitte immer zuerst an einen Tierarzt.

 

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